Die geheime Insel

 

Oleg war sowjetischer Elitesoldat. Drei Jahre wurde er in absoluter Isolation auf einer Insel im Schwarzen Meer gedrillt. Dann sollte seine Einheit den soeben abgesetzten Gorbatschow bewachen. Sie weigerten sich. Und die UdSSR brach zusammen.

 

Ich treffe Oleg in Belgorod-Dnestrovski, einem südukrainischen Provinznest, von etwa 50.000 Einwohnern, so groß wie Neu-Ulm oder Wismar.
„Bekomm keinen Schreck“, hatte er mir am Telefon gesagt. „Es sieht ein bißchen kaputt aus bei uns. Das ist die Ukraine. Uns gehört die Zukunft.“

Vor einem Kellerrestaurant im Zentrum spielen mitten auf der Straße kahlgeschorene Jungen, Bierflaschen in der Hand, mit freiem Oberkörper Fußball. Eine Gruppe von alten Männern steht lebhaft diskutierend vor einem kleinen, aus leeren Obststeigen gebastelten Stand, an dem eine alte Frau einzelne Zigarettenschachtel verkauft. Die Alten in ihren schlotternden Anzügen trinken Wodka aus Halbliterflaschen, obwohl es kaum vier Uhr nachmittags ist.

„Wenn ich nur ein paar Tage weg bin von Belgorod“, sagt Oleg,“glaube ich, ich habe das Paradies verloren. Ich könnte nie in Odessa oder in Kiew leben. Diese Städte sind zu groß. Belgorod ist heute meine Insel. Ich habe sie wiedergefunden. Es gibt keinen besseren Ort für mich.“

Der Soldat will mich im Hotel „Rus“ treffen, neben ein paar kleinen Pensionen die einzige größere Touristenherberge der Stadt. 

Im Foyer riecht es nach eingewachsenem Schmutz, Desinfektionsmitteln und defekten Sanitäranlagen. Ein Aroma wie in der Toilette eines veralteten Vorortzuges.

„Das beste an diesem Hotel“, hatte mir der Soldat gesagt, „sind die vielen, sehr kleinen Räume. Ich würde gerne mit dir tauschen und dort wohnen. Hör mir einfach eine Weile zu, und dann verstehst du mich.“

 

Ich lasse die Tür geöffnet. Eine halbe Stunde später höre ich den Soldaten.

Seine zackigen Schritte auf dem Flur klingen für mich wie das Anrücken einer kleinen Armee. Ich trete hinaus. Ein hagerer hochaufgeschossener Mann im langen schwarzen Ledermantel und Cowboystiefeln nähert sich. Er hat eine Sonnenbrille in die Haare geschoben. Sein Lächeln wirkt wächsern oder kühl, selbstbewußt. Ein Kampfroboter, denke ich, eine Figur aus der ukrainischen Matrix.
Das eine militärische Ausbildung zu einem disziplinierten Auftreten führen würde, hatte ich bis jetzt für den Wunschtraum rückständiger Pädagogen gehalten. Aber Oleg kommt so gerade auf mich zu, als würde er exerzieren.

Er hat eine Flasche ukrainischen Cognac mitgebracht. Ein Gastgeschenk, oder ein Mittel, um Reste von Lampenfieber zu vertreiben. Er hat seine Geschichte noch niemanden aus dem Westen erzählt. Noch nie jemanden, der sie aufschreiben wollte.

Wir trinken ein Glas auf die Ukraine. Olegs Blick schmerzt dabei in den Augen. Sein permanentes Lächeln ist unüberwindlich. Er nennt sich einen Patrioten und er will seine Geschichte erzählen, weil sie ein der Teil nationalen Kultur sei. Nur, daß er niemals darüber reden durfte. Jetzt will er, dass alle es wissen. Auch im Westen.

Olegs Bewegungen sind knapp und präzise. Kein Handgriff ist überflüssig. Er setzte seine Sonnenbrille ab und füllt die Gläser neu auf,  wie eine auf Energieerhalt bedachte Maschine.

Als Kind hat Oleg Abenteuerromane verschlungen, Dumas, Jack London und Cooper. Sein Lieblingsbuch ist Robinson Crusoe gewesen.

„Ich bin am Meer aufgewachsen und alle meine Phantasien hatten immer mit dem Meer zu tun. Und das ist die Geschichte eines Mannes, der lernt auf einer einsamen Insel zu überleben. Jeder kennt die. Aber für mich begann damit ein Traum. Ich wollte ein extremes Leben haben. So wie dieser Mann.“

Mit seinem schweren silbernen Fingerring klopft Oleg ungeduldig gegen das Cognacglas. Er schüttelt den Kopf während er seine Erinnerungen ordnet. Wie und warum etwas im Leben beginnt, wer weiß das schon wirklich.

„Ich mußte immer der Beste sein. Egal ob ich Speere oder Bälle geworfen hab. Ich konnte den Atem unter Wasser für mehr als vier Minuten anhalten. Ich habe es meiner Mutter am Strand von Sergeijevka zum ersten Mal gezeigt. Sie hat brüllend meinen Kopf aus dem Wasser gezerrt. Aber warum hat sie geweint und geschrien? Für mich war das doch nur ein Spaß.“

Oleg macht plötzlich eine Miene, als müßte er sich noch einmal entschuldigen, so wie damals, bei seiner Mutter. Für das was er getan hatte und für alles, was er später tun würde.

„Aber wie konnte man ein extremes Leben in der UDSSR führen?“

Mein Besucher schweigt eine Weile und trinkt ein weiteres Glas Cognac. Der Alkohol zeigt keine Wirkung. Nur sein Blick schneidet noch schärfer, prüfender, in meinen.

Nach der Schule hatte er sich zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Er war 18.  Mit dem Sport ließ sich nichts verdienen. Die zweijährige Wehrpflicht begann. Das Wasser war für ihn das richtige Element. Seine Ausbilder erkannten das schnell. Einen wie ihn hatten sie vorher noch nicht gesehen. Er tauchte tiefer und länger und schwamm ausdauernder als alle anderen. Man vermittelte ihm ein Vorstellungsgespräch bei der Schwarzmeerflotte. Oleg sollte Marinetaucher werden. Über sechs Monate mußte er in Odessa weitere Prüfungen und Tests machen, man staunte über ihn und lachte zur gleichen Zeit, weil Oleg mit seinen eigenen Leistungen nie zufrieden war.

„Ich habe immer trainiert. Das war meine Droge. Wozu muß man schlafen?

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“

Olegs Englisch scheint von Glas zu Glas besser zu werden. Das Wörterbuch, das er mitgebracht hat, liegt noch immer unbenutzt neben meinem Tonband.

In der Kaserne gab man ihm zu verstehen, daß er zu den Besten des Landes gehören könne, wenn er bereit dazu wäre. Er würde auf einer unbekannten Insel leben, wie der Held in Defoes Roman. Zusammen mit einer Handvoll Männern, den stolzesten Söhnen der UDSSR.


Oleg lacht.

„Verstehst du, da sprach jemand von meinen Träumen.“

Er strengte sich noch mehr an. Von den besten Tauchern der Schwarzmeerflotte, die für diese Gruppe der Auserwählten in Frage kamen, schafften nur ein Viertel die Tests, die auf die Insel führten. Sie kamen zusammen mit Oleg in die nächste Vorbereitungsgruppe. In seiner Abteilung  sah er ausgewachsene Champions der UDSSR im Laufen und in Karate heulen und psychisch zusammenbrechen. Sie verkrafteten das Training nicht. Tauchen, Fallschirmspringen und Bergklettern, Waffentechnik und Schießtraining und mehr Sport als  selbst die Olympiasieger in Olegs Kommando jemals für gesund gehalten hatten. In den nächsten sechs Monaten der Vorbereitung auf die Insel ist die Hälfte seiner Einheit zusammengebrochen.

„In einem Land von 230 Millionen  gibt es viele gute Sportler. Aber am Ende geht es nur um die Nerven. Die Psyche, die die siebzig  Besten haben mussten, die war seltener als olympisches Gold.“

Oleg klingt nicht wie ein Aufschneider. Tatsachen, haben ihn auf die Insel geführt. Seine Tatsachen sind nicht exotischer, als die des Elefantenmenschen, den man auf dem Jahrmarkt zur Schau gestellt hat. Physische und psychische Eigenheiten, die etwas außerhalb der Norm liegen. Talente und Bedürfnisse, die seine Freunde, seine Familie für gefährlich und verrückt gehalten haben.

Oleg berichtet von Selbstmorden. Einige der Athleten, hervorragende Sportler mit den besten körperlichen Voraussetzungen, hatten dem Stress der Ausbildung nicht standgehalten.

„Und dann kam ich auf die Maiinsel. Sie nannten sie die Insel der Auserwählten, 8 Kilometer vom Festland vor Atschakow entfernt. Sie ist auf keiner Karte verzeichnet. Dort gibt es nur eine Kaserne und militärische Übungsplätze sonst nichts, alles was man braucht, um den Krieg zu lernen. Auf einem flachen Gelände mit 1250 Metern Umfang. Wie ein Gefängnis, oder eine Festung, ein Ort, der dich einsperrt oder dich beschützt. Ich habe so etwas nie wieder gesehen“, sagt Oleg und läßt seine Fingerknöchel knacken. Dann klopft er sich auf den Oberarm, zieht sein Hemd aus und schiebt den linken Ärmel seines T-Shirts hoch.

„Dieses Tatoo haben wir bekommen. Es ist das Erkennungszeichen der ukrainischen Seals.“ Ich sehe ein Schwert  um das sich ein Drachen oder ein Seeungeheuer windet. Seals steht für „Sea Air and Land Soldiers“, es ist die international geläufige Abkürzung für Eliteeinheiten, die im Wasser zu Lande und in der Luft operieren, klärt Oleg mich auf.

Siebzig Elitesoldaten lebten auf der Insel. Drei Jahre dauerte der Aufenthalt. Bis zum Zusammenbruch der UDSSR. Die Soldaten wurden nur zu Trainings-Aktionen und Kommandooperationen ausgeflogen. Es gab nur einmal Urlaub in dieser Zeit. Sie sahen niemand anderen als die Mitglieder ihres Teams.

„Wir fühlten uns wirklich wie Auserwählte. Aber natürlich, das war auch Psychologie. Wenn du mit niemandem darüber reden darfst, was du eigentlich machst, wenn niemand deine Adresse kennt und du auf einer Insel lebst, die nicht größer ist, als drei Fußballfelder, dann musst du ein Auserwählter sein. Oder du wirst verrückt.“

Im Winter ließ man Olegs Gruppe im Kiewer Gebiet mit dem Fallschirm abspringen. Die Soldaten mussten die 500 Kilometer bis zu ihrem Stützpunkt bei Odessa in langen Märschen zurücklegen und durften dabei keine öffentlichen Straßen benutzen. Gespräche mit Einheimischen waren streng verboten.  Sie hatten diese Distanz in zehn Tagen zu schaffen, ohne Lebensmittel. Sie aßen Würmer, Schnecken und Frösche und erlegten mit Glück ein paar Hasen und einmal einen Hirsch. Vorsichtshalber war entlang aller Dörfer der Strecke im lokalen Radio die Durchsage zu hören, dass eine Gruppe von sehr gefährlichen bewaffneten Verbrechern aus einem Gefängnis in Kiew ausgebrochen sei. Man solle auf der Hut sein vor ihnen und die Miliz sei angehalten,  die flüchtigen Kriminellen zu stellen und notfalls von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

Oleg trinkt sein viertes Gläschen Cognac. Seine Wangen sind leicht rosig geworden. Plötzlich runzelt er die Stirn und beginnt an seiner Unterlippe zu nagen. Selbstvergessen fixiert er die sich drehenden Spulen des Tonbands, das seine Geschichte in den Westen tragen wird.

„Aber es ist nicht wie im Fernsehen. Ich habe oft Todesangst gehabt.“

Der Soldat erzählt von Freunden, die in diesem fiktiven Krieg gestorben sind. Beim Austauchen aus Torpedorohren, beim Fallschirmspringen aus nur 200 Metern Höhe oder bei Minenexplosionen.

„Ich erinnere mich noch an meinen Freund Sascha. Wir waren zwei Tage lang marschiert ohne zu schlafen. Meine Gruppe musste einen Hubschrauberlandepunkt erreichen. In der Nähe der Küste wurden wir zwei Stunden später mit dem Fallschirm abgeworfen. Es war Nacht. Da gab es zwei Häuser und einen Hangar, wir hatten 15 Minuten um alles zu verminen. Das war unmöglich zu schaffen. Wir arbeiteten an verschiedenen Punkten, und als die Zeit um war, liefen wir los zum Wasser, da sollte uns ein Boot aufnehmen. Ich drehte mich noch einmal um und wollte Sascha etwas zurufen, so einen Witz den wir immer gemacht haben. Eigentlich war das verboten. Ich rief also: Wenn es jetzt knallt, hast du einen Fehler gemacht. In diesem Augenblick trat Sascha auf die Mine. Es gab eine kurze, trockene Explosion. Es spritzte nur ein bisschen Erde. Aber die Mine hatte ihn in zwei Teile gerissen“

Oleg betrachtet mich nachdenklich. Keine besondere Regung in seinem Gesicht. Es sind Fehler, über die er nachdenkt.

Oleg und sein Freund Mitja hatten ihre eigenen Methoden, um mit der Isolation unter den Bedingungen des Krieges zurecht zu kommen.

Nachts schwammen sie mit ihrer Kleidung in einer Plastiktüte auf dem Rücken zum acht Kilometer entfernten Festland. Dort  gingen sie in eine Diskothek, tanzten mit Mädchen und tranken ein paar Biere, nur um daran glauben zu können, dass es noch eine andere Welt gab.

Am frühen Morgen vor dem Weckappell kraulten sie zurück auf die Insel, ihrem Gefängnis, dem Eiland der Auserwählten.

Erst das letzte seiner drei Jahre war für Oleg frei von der Angst, auf der Insel wahnsinnig zu werden. Er hatte sich an dieses Leben gewöhnt, oder war danach süchtig geworden.

„Ich habe mich nie wieder so wohl gefühlt wie damals. Das ist schwer zu begreifen, ich weiß. Aber mein ganzes Leben, glaube ich manchmal, besteht nur aus diesen drei Jahren.“

Im August 1991 während des Auflösungsprozesses der ehemaligen Sowjetunion, schrieb Olegs Gruppe Geschichte, wie immer im Verborgenen.

Der letzte Präsident der UDSSR, Michail Gorbatschow wird während eines dreitägigen Putsches in seiner Datscha in Foros auf der Krim festgesetzt. Olegs Kommando erhält den Befehl, die Bewachung des Präsidenten zu übernehmen.

Die Soldaten in Olegs Gruppe entschlossen sich gemeinschaftlich, bei dieser Aktion nicht mitzumachen. Sie verweigerten den Befehl. Es gelang  ihnen auch, die Offiziere zu überzeugen. Die Aktion wurde abgeblasen und Gorbatschows Hausarrest aufgehoben. Schon kurze Zeit später leistete Olegs Kommando als erste militärische Einheit den Treueeid auf die Ukraine.

Mein Besucher hebt sein Glas und wir stoßen darauf an. Das kann ich einem Patrioten nicht verwehren. Ich deute auf Olegs Tätowierung.

Was erzählt er seinen Kindern darüber?

Oleg lacht.

„Sie lieben dieses Tatoo. Ich habe ihnen gesagt, das ist ein Zauberticket, mit dem man überall hin reisen kann.

1999 bin ich in die USA geflogen, als Tourist. Ich wollte einen Freund besuchen.  An der Grenze sagten sie mir, etwas ist mit meinem Visum nicht in Ordnung. Die Beamten der Einwanderungsbehörde verhörten mich stundenlang. Sie hatten Unterlagen über mich, die haben ihnen nicht gefallen. Das Hin- und Her dauerte eine Ewigkeit, und dann übergaben sie mich an Beamte des Geheimdienstes. Die sollten mich weiter verhören. Aber das waren ehemalige Marines. Sie kannten die Geschichte der Auserwählten, und als ich ihnen meine Tätowierung gezeigt habe, haben sie mich einreisen lassen.“

Unmittelbar nach der Auflösung der Gruppe war es für die Soldaten schwer, sich mit der Bewegungsfreiheit und der Weite ihrer Umgebung zurechtzufinden. Oleg hatte, zurück im zivilen Leben, eine Zeit lang Angst vor Autos, Angst vor weitem Gelände, gesteht er mir, während er sich in meinem Zimmer umsieht. Einem beruhigend kleinen Raum.

Er und andere Mitglieder seiner Gruppe konnten sich mit diesem Mangel an Beschränkung zunächst nicht zurechtfinden.

„Die meisten von uns haben als Sicherheitspersonal auf Schiffen angeheuert. Wir wollten unsere Insel wiederfinden. Auf dem Schiff gab es eine vergleichbare Situation. Wenig Platz, klare Pflichten und Aufgaben, und um uns herum immer das Meer als unsere Grenze zur Welt.“

Olegs Hand beschreibt einen kurzen Bogen.

„Ich fühle mich immer noch wohler, je kleiner der Raum um mich herum ist.“

Der Soldat hält mit seinen ehemaligen Freunden engen Kontakt. „Eine Familie“, sagt er, „unzerstörbar.“ Er drückt seine Fäuste zusammen.

„Es sind immer noch meine besten Freunde. Und jeder von ihnen ist als Zivilist erfolgreich. Jeder auf eigene Weise. Manche im Sport, manche im Geschäftsleben und manche als Gangster.“

Ihr gemeinsames Geheimnis haben sie gehütet.

„Wir haben es niemandem erzählt. Die Insel ist jetzt nur noch eine Insel. Verstehst du. Das Letzte, was ich gehört habe, war, daß die Tochter Kutschmas sie requirieren wollte. Um einen luxuriösen Yachtclub für ihre Freunde daraus zu machen.“

Oleg hebt seine Aktenmappe auf, die am Sessel lehnt und öffnet sie zögernd. Er möchte mir seinen Schatz zeigen. Für die Fotos, die er damals heimlich geschossen hat, hätten sie ihn ohne Fallschirm springen lassen, sagt er und grinst. Die schwarzweißen Bilder scheinen es zu bestätigen,  eilige Schnappschüsse, ein Beleg für Existenz der Auserwählten, die für die Öffentlichkeit nie einen Namen hatten, die offiziell nicht existierten. Die Fotographien weisen Knickspuren auf. Manche sind an den Rändern eingerissen. Sie wirken älter als sie sind. Bläschen und Unschärfen auf dem Fotopapier deuten auf eine amateurhafte Entwicklung hin.

Die Bilder zeigen Olegs Einheit, sein Team. Eine Handvoll junger Männer um die zwanzig, zu einem hastigen Gruppenfoto aufgestellt, oder an Bord eines Motorbootes. Sie klettern in der schwindelerregenden Höhe eines felsigen Hangs oder starren als Froschmänner durch das Glas ihrer Taucherhauben. Auf wenigen der Fotos wird gelächelt. Die Anspannung in den Gesichtern, Ausdruck von Erschöpfung oder der verbotenen Aufnahme gezollt, verbindet sich mit einer dumpfen Zähigkeit, die dem Betrachter Angst machen kann. Immer sitzen oder stehen sie eng zusammen. Arme sind auf Schultern gelegt. Gelegentlich taucht die karge Landschaft der Insel als Kulisse auf. Ein bleiches Niemandsland und die ideale Projektionsfläche für Phantasien über die Schlachtfelder des Krieges, auf denen der Soldat als Teil einer komplexen Maschinerie nur anwesend ist, um zu töten oder zu sterben.

„Als Auserwählter den Tod zu finden, hat mein Ausbilder gesagt, ist ein Mangel an Perfektion. Oder Schicksal“, sagt Oleg.

Ein Foto fasziniert mich besonders, es zeigt ihn und ein paar andere Soldaten nackt an einem weiten menschenleeren Strand. Sie stehen um einen aus Holzplanken improvisierten Tisch herum und scheinen mit der Zubereitung einer Mahlzeit beschäftigt zu sein. Neben dem Tisch liegt ein abgetrennter Pferdekopf im Sand.

„Das ist eine Insel vor der Krim, ein langer Streifen Sand im Meer. Auf dieser Insel leben nur Pferde. Wir wurden da abgeworfen für eine Woche und wir durften nur unsere Messer mitnehmen.“

Ein Truppentransporter war kurz vor dem Ende des zweiten Weltkrieges im stürmischen Wetter vor der Ostküste der Krim gekentert. Einige Pferde hatten sich an das Ufer der Insel retten können. Es gelang ihnen, am Leben zu bleiben und sich fortzupflanzen. Oleg zeigte mir weitere Aufnahmen eines Pferdekadavers. In der Leber des Tieres sind winzige Würmer zu sehen. Parasiten, wie Oleg mir erklärt, die es den Pferden möglich gemacht hatten, das Salzwasser zu trinken und trotzdem zu überleben.

Auf einem weiteren Foto ist Oleg in Nahaufnahme zu sehen. Er hält das Herz des Pferdes in seiner Hand. Das plumpe Organ, kaum größer als eine Kokosnuss, ist nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, seine Zähne sind gebleckt. Kurz zuvor hatte er sie in den leblosen Muskel geschlagen. Von seinen Lippen, seinem Kinn tropft Blut.

Mir graust es vor diesen Fotos und Oleg sieht es mir an.

„Das bin nicht ich“, sagt er, „das ist Robinson Crusoe.“

Als er sich verabschiedet, drückt er lange meine Hand.

„Belgorod ist jetzt meine Insel. Mein Paradies. Die andere Insel gibt es nicht mehr. Und das hier war ein Zahnarztbesuch. Aber ich bin jetzt ein Europäer wie du. Und deswegen habe ich dir meine Geschichte erzählt.“

Ich höre Olegs Schritte auf dem Gang, und es klingt wie das Abrücken einer kleinen Armee.

 

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 15.10.2006