"Ukrainische Medizin"


In der Ukraine gibt es 64 verschiedene Biersorten, und ständig kommen neue dazu. Dabei hat der Gerstensaft den traditionellen Wodka im alkoholischen Arsenal der Ukrainer keineswegs verdrängt. Für einen traditionellen Rausch ist Wodka unersetzlich. Sich mit Bier zu betrinken, ist für einen richtigen Ukrainer ganz undenkbar, das schaffen nur die Mädchen, die allerdings Bier fast gar nicht trinken, weil sie lieber Martini mögen.

Bier hat jedoch eine wichtige Bedeutung im alkoholischen Alltag des Landes – und zwar als Ausnüchterungsmittel.

Wenn ich mit meinem Freund Bogdan, der Schuld daran ist, dass ich überhaupt Gelegenheit hatte, die ukrainischen Trinkgewohnheiten zu studieren, einen Abend lang gefeiert habe, dann ist das einzige, was ihn und mich über den nächsten Tag retten kann, eine gut gekühlte Zweiliterflasche Bier.

Das letzte Mal war es so: unser Wiedersehen verlief stürmisch, ein paar Monate waren vergangen, es war wieder Sommer, und es gab viele Nebenanlässe, die ein von starken Getränken unterstütztes Zwiegespräch notwendig gemacht hatten.

Bogdans zweite Tochter Sofia war vor nicht allzu langer Zeit drei Jahre alt geworden. Bogdan hatte einen Kredit für einen nagelneuen Geländewagen bekommen, der jetzt in kriegerisch glänzendem schwarzem Lack und mit verdunkelten Scheiben geduckt in seinem Vorgarten hockte, mitten über einer Geröllhalde, aus der in Kürze die Garage entstehen sollte.
Und Bogdan, ein Fan asiatischer Action-Filme, hatte sich vor kurzem auf dem Bazar von Odessa von einem moldawischen Händler ein Samuraischwert gekauft, das er in einer um seine Shorts gewundenen Kordel stolz durch die Wohnung trug.
Gelegentlich führte er mit martialischem Geschrei untermalte Scheingefechte vor dem Spiegel vor, aber zur Hauptsache benutzte er das Schwert, um in dramatischer Manier Fische zu köpfen, die er frühmorgens im Liman gefangen hatte.

Über all das unterhielten wir uns, während wir gemütlich eine Flasche Tequila und etwa zwei Flaschen Wodka tranken. Wir lachten viel, aßen einen ganzen Sack Erdnüsse, labten uns an Brinsa, Salami und Weintrauben, bis es Zeit wurde, im 24-Stunden-Supermarkt noch mehr Tequila und Wodka zu besorgen.

Bogdan ärgerte sich darüber, dass ich meine Gesundheit vergeudete, weil ich noch immer rauchte, er hatte sich schon vor einiger Zeit für ein gesundes Leben entschieden und spielte sich jetzt gern ein wenig auf.
Ein weiterer Anlass zu Vorwürfen trotz unserer ausgelassenen Stimmung war die Tatsache, dass ich noch immer keine Frau, keine Kinder, keine Familie besaß, undenkbar, mit 43 Jahren, noch schlimmer als meine Raucherei war das und Bogdan, der eine Olive zwischen Daumen und Mittelfinger hielt, hob plötzlich den Zeigefinger in die Luft und schüttelte den Kopf.
„Zwei Sachen möchte ich dir sagen, mein Freund – das Erste ist, dir läuft die Zeit davon – und – das Zweite habe ich schon vergessen…“

Wir wachten auf, als es Mittag war, ein sonniger Tag in Bessarabien, draußen auf der Straße vor meinem Haus lärmte ein Bautrupp, der Gasrohre verlegen sollte, der Propeller des Standventilators ruckte in seinem schwarzen Käfig summend von links nach rechts. Bogdan ruhte auf dem Sofa, ich musste es mir irgendwann im Lauf der Nacht auf dem Holzdielenboden gemütlich gemacht haben.

Ich wankte auf den Balkon, um das großartige Schauspiel einer Welt zu genießen, die sich bewegte, in der es klang, duftete und glänzte, als wäre meine Anwesenheit schon gar nicht mehr erforderlich.
Dann spürte ich Bogdans Hand auf meiner Schulter. Aber ich hatte es auch längst bemerkt. Es war gar nicht möglich hier zu sein und es nicht zu bemerken.

Der Geruch des Schwarzen Meeres lag in der Luft. Alle Menschen dort unten auf der Straße egal wohin sie gingen, die Männer in kurzen Hosen und Flip Flops, die Mädchen, die im komplizierten Rhythmus ihrer Schritte auf hohen Absätzen, in ihrer eigenen verführerischen Melancholie durch die Straße schlenderten, sie alle würden zum Strand gehen.
Und in diesem Augenblick sandte ich meine Blicke mit einer Ahnung von Glück und Abenteuer zu einer im schimmernden Blau weit oben tanzenden Möwe: und mit ihren Augen sah ich bereits das nur wenige Kilometer entfernte Meer...

Wir fuhren an den Strand von Sergejevka und lagen bald bäuchlings im Sand. Neben uns Zweiliterflaschen aus biegsamem Kunststoff, die das köstlichste Bier enthielten, das man sich vorstellen kann.

Vowa saß am Lenkrad von Bogdans Wagen, Vowa, der eigentlich die Garage bauen sollte und jetzt entspannt den Ellenbogen aus dem Fenster hielt, während er an den Reglern des CD-Players spielte und versuchte, Bogdans Musikgeschmack zu treffen. Das Meer rauschte natürlich, und während ein winziger feuerroter Skorpion über meinen Handrücken krabbelte, stellte ich mir vor, was es wirklich bedeutete, der König der Welt zu sein.

Depeche Mode und Verka Serduchka mit seinem eher volkstümlichen Stück „Vse budet horoscho“ – Alles wird gut – untermalten den langwierigen Prozess unserer Ausnüchterung. „Man muss nur ein bisschen Bier mitnehmen, an den Strand fahren und sich in Ordnung bringen.“ So nannte Bogdan das. Jetzt war er bis zum feuchten Sandstreifen am Rande des Meeres vorgerobbt und die Wellen badeten seinen Kopf.
„Bring mir sofort meine Flasche Bier“, stöhnte er, „oder du bist schuld, wenn ich hier sterbe.“

Vowa saß rauchend in den Dünen, als mein Freund, der lange mit so etwas wie Stolz durch das bernsteinfarbene Plastik auf das Meer schielte, über das Leben nachdachte und wahrscheinlich auch über das Bier, das einen Teil seines Lebens ausmachte, denn in Belgorod, einer kleinen etwa 80 Kilometer von Odessa entfernten Stadt, besaß er eine eigene Brauerei. Sein Bier, ein Lizenzprodukt einer Firma aus Österreich, hielt nur sechs Tage, wurde nicht in Flaschen gefüllt, sondern wanderte in Bogdans ukrainischem Biergarten mit dem Namen „Schalasch“ in Plastikbechern für 4 Grivna über den Tresen.

Was es aber eigentlich war, und ich begriff es, während mein Kopf wieder klarer und klarer wurde, bis sich mir das Leben wieder mitteilte und umgekehrt: bis ich laut singend ins Wasser sprang, um Bob schließlich mit Quallen zu bewerfen – was es also eigentlich war: es war Medizin. Hier in der Ukraine vertraute man darauf, dass große Mengen Bier den schlimmsten Kater ohne Weiteres besiegen konnten. Der Kopf wurde wieder leicht und langsam glitt man zurück in das normale Leben, das hier selber manchmal wie ein Kater war, für den eine Medizin aber erst noch gefunden werden musste…



Weiterlesen in "Bier" erschienen im Eichborn Verlag.