Nick Hornby, 44, studierte in Cambridge und arbeitete zunächst als Lehrer. 1983 begann er, als freier Autor zu arbeiten, 1992 gelang ihm mit seinem Fußballroman »Fever Pitch« (auf deutsch erschienen als »Ballfieber«) der Durchbruch. Auch die folgenden Romane »High Fidelity« und »About A Boy« wurden Bestseller. Sein aktueller Roman »How To Be Good« ist vor kurzem im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Hornby lebt im Norden Londons. Hier träumt er von einem Leben in Kalifornien.

Mein Traum ist es, an der Westküste der USA zu leben. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zunächst einmal fühle ich mich in einem großen Teil der amerikanischen Kultur sehr zu Hause. Darüber hinaus gefällt mir das Wetter an der Westküste, die Landschaft, und ich mag auch die Menschen dort. Ich meine damit nicht so sehr Los Angeles, sondern eher die Bay Area um San Francisco. Die Leute in dieser Gegend leben auf eine leichtere Weise, ohne geistlos zu sein. Es ist eine Mentalitätsfrage. Man kann das Leben tatsächlich genießen, ohne dumpf zu werden.

Als ich das erste Mal in San Francisco war, hat es mich fast umgehauen: wie viel besser die Menschen dort leben! Selbst diejenigen, die wenig Geld haben. Ein Büroangestellter, jemand, der einfach nur einen Job macht, hat es dort besser als ich in England.

Es geht eben doch hauptsächlich um Lebensqualität, nicht um Lebensstandard, also eben nicht um die Dinge, die man für Geld kaufen kann. Die Westküste der USA bietet sehr vielfältige Freizeitmöglichkeiten, besseres Essen und Menschen, die sich auf eine ganz entspannte Weise darauf konzentrieren, ihr Leben zu genießen. Und sie bleiben dabei tolerant.

Natürlich kann ich nicht gerade behaupten, dass ich in einer sehr intoleranten Umgebung lebe. Im Gegenteil, das Viertel im Norden Londons, in dem ich wohne, ist bevölkert von durchschnittlichen liberalen Mittelklassebriten. Der Mangel an Toleranz, den ich in England erlebe und der manchmal auf fast widerwärtige Weise spürbar wird, findet sich vor allem in den Medien, in denen allgemein die Mentalität des Revolverblattes herrscht.

Für mich ist jedoch nicht nur die antiintellektuelle, sondern auch die intellektuelle Umgebung in England problematisch. An unserer intellektuellen Welt bin ich deswegen nicht übermäßig interessiert, weil sie sehr akademisch, versnobt, elitär ist. Sie orientiert sich zuweilen an recht abgenutzten Bildungsinhalten.

Trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - gibt es bei uns natürlich noch immer großartige Bücher. Wie etwa das letzte Buch von Ian McEwan oder Zähne zeigen von Zadie Smith. Es gibt immer wieder Schriftsteller, die plötzlich entdecken, dass sie genauso sind wie ihre Leser - nicht besser und nicht schlechter. Diese Erkenntnis ist wie eine Liebeserklärung, die sie Werke schaffen lässt, in denen sich ihr Publikum wiedererkennt. Und ich finde: Das Beste, was Kunstwerke leisten können, ist es, eine intensive seelische Verbindung herzustellen zwischen denjenigen, die es geschaffen haben, und den Leuten, die es wahrnehmen.

»Alles schön und gut«, könnte man mir jetzt entgegenhalten, »an der Westküste der USA zu leben - warum soll das ein Traum sein? Warum machen Sie das nicht einfach? Sie haben schließlich genug Geld, Sie können doch gehen, wohin Sie wollen.«

Also muss ich doch noch etwas erklären: Die Infrastruktur meines Lebens ist fast untrennbar mit London verknüpft. Ich habe einen behinderten Sohn, der sich in seiner Schule sehr wohl fühlt, ich habe eine Exfrau, die nur ein paar Meter entfernt wohnt und die ich zweimal am Tag sehe, weil Danny, unser Sohn, noch immer der Mittelpunkt unseres Lebens ist und wir uns ständig helfen müssen. Dann habe ich auch noch eine Freundin. Das alles zusammen kann man nicht einfach auf der Landkarte hin- und herschieben. Wie sollte das gehen? Alle müssten bereit sein, mitzukommen, möglicherweise sogar die Schule meines Sohnes und seine Freunde, an denen er sehr hängt.

Deswegen also ist die Westküste ein Traum. Ich stelle mir oft vor, wie viel Spaß Danny dort drüben haben könnte. Er mag den Sommer lieber als den Winter, denn wenn es warm draußen ist, gibt es für ihn einfach mehr zu tun. Er ist sehr lebhaft, schwimmt gern, ist viel an der frischen Luft und liebt es, auf dem großen Trampolin herumzuturnen, das in unserem Garten steht.

Dannys Geburt war das wichtigste Ereignis in meinem Leben. Ich möchte jetzt kein Popstar, begnadeter DJ oder Spitzenfußballer mehr werden, ich bin ein recht erfolgreicher Schriftsteller geworden, und damit ist diese gewisse Begehrlichkeit in meinem Leben völlig befriedigt. Ich denke mir, meine Träume sind jetzt in vielerlei Hinsicht einfacher geworden, sie haben meistens mit Danny zu tun, und sie kreisen um etwas, was ich ein friedliches und zufriedenes Leben nennen würde. Ich bin fest davon überzeugt: Das Leben wird immer schwieriger, je älter man wird, und deswegen strebt man schließlich diese einfach erscheinenden Ziele an, weil es diejenigen sind, die Bestand haben.

Als mein erster Roman, Fever Pitch, herauskam, war ich noch sehr aufgeregt. Ich habe mehrere Stunden lang die drei Buchläden in meiner Nachbarschaft abgeklappert, bin von einem zum nächsten und wieder zurück, weil ich sehen wollte, wann endlich das erste Buch verkauft wird. Natürlich ohne Erfolg. Heute übe ich mich in Gelassenheit.

Manchmal beneide ich sogar die Schriftsteller, die ein kleineres Publikum haben als ich. Je größer dein Publikum ist, desto weniger interessieren sich die Medien für den Inhalt deiner Bücher. Viele Journalisten, die vielleicht noch nicht einmal ein Buch von mir gelesen haben, wollen mir einfach irgendein möglichst markantes Etikett aufdrücken, von dem sie glauben, dass es mich komplett beschreibt. Ein weniger bekannter Schriftsteller hingegen kann einfach nur Schriftsteller sein.

Die Familie ist in all dem Trubel der wichtigste Rückzugspunkt in meinem Leben. Wie kompliziert es an diesem für gewöhnlich gut behüteten Ort trotzdem manchmal zugehen kann, ist in den Problemen von David und Katie in meinem Buch How to be good zu erkennen . Abgehobene Wortgefechte und lebensferne moralische Ansprüche stehen den simplen lebenswichtigen Anforderungen des Familienlebens oft im Weg. In Wirklichkeit ist alles immer viel einfacher: Familie bedeutet für mich absolute, bedingungslose Loyalität untereinander. Die Familie ist mein emotionales Heim, meine Mannschaft.

Nach der Scheidung von meiner Frau habe ich mich natürlich oft gefragt, ob ich nicht manches hätte besser machen können.

Jeder kennt diese Gedanken, und auf der Top-drei-Liste der Ansprüche an mich selbst ist Nummer eins - natürlich - immer noch: ein besserer Mensch zu werden. Aber lässt sich das überhaupt verwirklichen?

Eine meiner Lieblingsserien im Fernsehen sind die Simpsons, und wenn ich mich mit Homer vergleiche, würde ich sagen: Ich bin ein wenig schlauer als er, ich würde zum Beispiel nicht in einem Atomkraftwerk arbeiten und keine Frau wie Marge heiraten - schon wegen ihrer Stimme, nicht nur wegen ihrer blauen Haare -, und ich bin alles in allem ein besserer Familienvater als er. Aber wie sieht es im Ergebnis aus? Homer ist mit seiner Frau zusammen, und ich bin geschieden.

Bleibt noch Platz zwei: etwas leichter Spaß haben zu können, statt ständig nachdenklich, melancholisch oder pessimistisch zu sein.

Am aussichtsreichsten ist aber der Platz drei meiner Selbstverbesserungsvorschläge: Ich wünsche mir, noch ruhiger zu werden. Hier gibt es bereits eine Strategie: mehr Musik hören, das entspannt am besten. Vielleicht könnte ich sogar selbst irgendwo Platten auflegen.

Ehrlich, wenn ich noch einmal etwas völlig anderes anfangen könnte, ohne mit dem Schreiben aufhören zu müssen - dann würde ich, nur aus Spaß, Radio-DJ werden. Ich würde mich DJ Old Person nennen und den Tatsachen endlich ins Auge sehen.


AUFGEZEICHNET VON MARC HÖPFNER FÜR "DIE ZEIT"